„Der
Festball im Bayerischen Hof ist komplett ausverkauft“, mit dieser
Nachricht konnte der Vorsitzende des Ortskommitees, Heinz Christmann schon
vor Wochen aufwarten. Damit gab der studierte Jurist einen Vorgeschmack
auf das, was sich zwischen dem 25. und 28. Mai 2006 in München abspielen
sollte – ein festliches Spektakel sondergleichen, mit dem der Cartellverband
der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) und der Österreichische
Cartellverband (ÖCV) ihren 150. Geburtstag feierten. Um es vorweg
zu sagen: Partyevents, Geschäftsordnungspunkte und Besinnliches hielten
sich in den Tagen des Feierns und Debattierens die Waage. Offenkundig
folgten Christmann und seine Mitstreiter der bewährten Lebensmaxime,
nach der wo fleißig gearbeitet wird auch zünftig gefeiert werden
darf. In einer Ergebensheitsrede im Münchner Dom Zu Unserer Lieben
Frau huldigte Marco Piranty, stellvertretend für das Vorortspräsidium
Aenaniae, dem Heiligen Vater Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, der
ebenfalls dem CV angehört.
Den
Auftakt zur Jubiläumsfeier bildete ein „Bayerischer Abend“
auf dem Haus der Aenania im Stadtteil Schwabing. Unter dem Motto „Hoagascht
mit bairischer Musi“ gaben Sänger, Barden und selbst ernannte
Dichter ihre musikalischen und poetischen Eigenkompositionen zum Besten.
Spezialitäten aus dem Bayernland sorgten für kulinarische Genüsse
und brachten die Gäste aus aller Welt rasch in angeregte Debatten
über Gott und die Welt. Auch die anderen Münchner CV-Verbindungen
hatten ihre Pforten geöffnet. Vom zünftigen „Bayerischen
Abend mit Wirtshausmusik“ im Vindelikerhaus über den „Nymphenburger
Sektabend“ bei den Radasponen bis hin zum „Karaoke-Abend“
im Moeanenhaus – eine Mischung aus Unterhaltung, Gaumenfreuden und
bajuvarischer Lebensart bestimmte über vier Tage hinweg das Geschehen
in den Häusern des Münchner Cartellverbands.
Gedenken an NS-Opfer
Der
Eröffnungsgottesdienst in der Universitätskirche Sankt Ludwig,
am Donnerstagabend, unter anderem von CV-Seelsorger Domvikar Ulrich Bonin
und seinem ÖCV-Kollegen Pater Dr. Gernot Wisser SJ zelebriert, stand
im Gedenken an jene Cartell- und Bundesbrüder, die während der
Zeit des Nationalsozialismus gewaltsam ums Leben gekommen waren. „Sie
legten Zeugnis ab für die vom Cartellverband vertretenen Werte christlicher
Nächstenliebe, Solidarität und Freiheit – und mussten
dafür mit dem Tod bezahlen“, sagte Bonin. „Ihr Leiden
und Sterben ist uns Gedenken und Mahnung zugleich“. Mehr als 50
Cartellbrüder aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern
sind dem NS-Regime zwischen 1933 und 1945 zum Opfer gefallen. „Anderthalb
Jahrhunderte Cartellverband, das ist eine Geschichte mit Höhen und
Tiefen“, sagte CV-Präsident Dr. Karlheinz Götz. Das Jubiläum
sei für den Verband Rückschau und Zukunftsvision zugleich. Denn
angesichts steigender Rezeptionszahlen – Götz nannte die Zahl
500 plus x pro Jahr – könne der CV zuversichtlich in die Zukunft
schauen. „Doch bei aller Freude über die positive Entwicklung
dürfen wir nicht jene vergessen, für die unsere Ideale von Freundschaft
und christlicher Solidarität im Dritten Reich und auch während
der kommunistischen Gewaltherrschaft in der DDR zum Alptraum geworden
sind“, sagte Götz. In der Gedenkstätte des ehemaligen
Konzentrationslagers Dachau, rund 20 Kilometer nordwestlich von München,
hatten Vertreter von CV und ÖCV im Rahmen der Jubiläumsfeier
Kränze niedergelegt, im stillen Gedenken an die Opfer, die der Verband
durch den Nationalsozialismus zu beklagen hatte. Über 100 CVer und
ÖCVer wurden ins KZ Dachau deportiert. Die Transporte erfolgten am
1.April und 23.Mai 1938. Unter den Häftlingen befand sich auch der
spätere österreichische Bundeskanzler Leopold Figl. Auch der
selige Pater Rupert Mayer SJ, der ebenfalls dem CV angehörte, war
zeitweilig in Dachau interniert. In einer Zeit größter Bedrängnis
gelang einer Handvoll Cartellbrüdern das fast Unmögliche: Am
18. August 1938 feierten, unter Lebensgefahr, fünf Carolinen das
50. Stiftungsfest der Carolina-Graz.
„Bitte
keine Provokationen“, hieß es am Ende des Gottesdienstes in
der Ludwigskirche. Der hochschulpolitische Referent des Vorortes Aenania,
Magister Peter Schwertsik geleitete die Chargen und Gäste vom Hauptschiff
in den Lichthof der nahe gelegenen Münchner Universität. Cartellbrüder,
ihre mitgereisten Familienangehörigen und Lebensgefährtinnen
gedachten der Geschwister Sophie und Hans Scholl, die als Widerstandskämpfer
gegen Hitler im Februar 1943 hingerichtet worden waren.
Einige
linke Gruppierungen aus der so genannten Münchner „Antifa-Szene“
und des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) hatten sich stumm daneben
gesellt und ein übergroßes Bettlaken mit der Aufschrift „Verbindungen
trennen“ gehisst. Noch immer scheint der CV, seiner demokratischen
Tradition und internationalen Ausrichtung zum Trotz, bei jenen anzuecken,
die vorgeben, für eine vermeintlich offene, tolerante und „antifaschistische“
Gesellschaftsordnung einzutreten. Dank eines „Gentlemen Agreement“
zwischen Vorort, AStA und Antifa kam es, außer einigen Verbalattacken
vonseiten der Antifa-Leute, zu keinen größeren Störungen
während der Gedenkveranstaltung. Und als in der marmornen Säulenhalle
der Universität von etwa 300 CVern das Vater Unser gebetet wurde,
verstummten für einen Augenblick auch die Münder der Linksaktivisten.
Buntes Rahmenprogramm
Weniger
stumm, dafür fröhlich und bunt ging es beim Rahmenprogramm zu,
das die Organisatoren der diesjährigen Cartellversammlung für
die Damen und Familienangehörigen der Cartellbrüder auf die
Beine gestellt hatten. „Wir haben uns gestern die Füße
wund gelaufen“, klagte schon am Donnerstagabend die Gattin eines
CV-Funktionärs. Und fügte gleich hinzu: „Es ist herrlich,
hier in München zu sein“. Sie sollte recht behalten: Die Stadt
an der Isar bietet den Besuchern eine fast einzigartige Mischung aus Kultur,
Event und Erholung, bei der fast jeder auf seine Kosten kommt. Auf dem
Besichtigungsprogramm standen die Frauenkirche, die Alte Pinakothek, die
Glyptothek, das Deutsche Museum und die Bayerische Staatskanzlei. Auch
für einen Abstecher in die Filmstadt Bavaria hatten die Organisatoren
gesorgt. Exponate aus „Das Boot“, „Die Unendliche Geschichte“
und „Momo“ erinnerten an vergangene Kinohighlights. „Es
war spannend, einmal hinter die Kulisse der Film- und Fernsehschaffenden
zu schauen“, sagte eine mitgereiste Couleurdame. Auch der Englische
Garten mit seinen gepflegten Grünanlagen, die in frühsommerlicher
Frische blühten, hatte es den Angereisten angetan.
Fernsehinterviews im Bayerischen Hof
Den
gesellschaftlichen Höhepunkt der viertägigen Jubiläumsveranstaltung
bildete der Festball am Freitagabend im Bayerischen Hof. Unter der Schirmherrschaft
des österreichischen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel, der die
Leistung von CV und ÖCV beim Wiederaufbau nach dem Krieg und der
Schaffung eines geeinten Europas würdigte, waren etwa 2300 Gäste
gekommen, um auf drei Etagen zu tanzen, zu plaudern und das begleitende
Unterhaltungsprogramm in edlem Ambiente zu genießen. Auch das Bayerische
Fernsehen (BR) war erschienen und führte Interviews mit CV-Präsident
Dr. Karlheinz Götz und dem amtierenden Vorortspräsidenten, Diplom-Informatiker
Hans Pongratz, die am folgenden Tag in der „Rundschau“ und
in der „Abendschau“ ausgestrahlt wurden.
Festansprache durch Ministerpräsident Edmund Stoiber
Von
christlichen Werten und ihrer Bedeutung für den Zusammenhalt einer
Gesellschaft sprach der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider
in der akademischen Festmatinee am dritten Tag der Cartellversammlung
im Herkulessaal der Münchner Residenz. Ausdrücklich wandte sich
der Minister, der ebenfalls dem CV angehört, dagegen, die Festlegung
von Werten der „Beliebigkeit“ und dem Zeitgeist zu überlassen.
„Die Geschichte des Cartellverbandes zeigt, dass unsere christlichen
Wurzeln und unsere katholischen Werte letztendlich stärker waren,
als jene Kräfte, die in Deutschland mit Gewalt versucht haben, sich
ihr eigenes Weltbild zurechtzuschustern, ohne Rücksicht auf unsere
in 2000 Jahren gewachsene abendländische Kulturgemeinschaft“,
so Schneider. Rücksichtnahme, Toleranz und die Achtung vor Gott,
wie sie auch in der Verfassung des Freistaats Bayern verankert sind, seien
die Grundlagen, auf denen ein friedliches Zusammenleben von Menschen verschiedener
Herkunft und Anschauungen gedeihen könne, so der Minister. Dem schloss
sich auch Schneiders Vorgesetzter, Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber
an. Auf dem gemeinsamen Festkommers von CV und ÖCV in der OCÉ-Halle
in Poing, 20 Kilometer östlich von München, sprach sich Stoiber
erneut gegen eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU aus. „Europas
kulturelle und gesellschaftliche Wurzeln liegen im Christentum“,
sagte der CSU-Chef, der zugleich Ehrenmitglied bei der Münchner CV-Verbindung
Trifels ist. Stoiber setzte sich für gut nachbarschaftliche Beziehungen
mit der Türkei ein, die unter dem Schlagwort „Privilegierte
Partnerschaft“ bereits Einzug in die Politik der CDU/CSU gefunden
haben. Stoiber ging auch auf das Thema „Eliten“ ein. „Neben
einer so genannten `Leistungselite` brauchen wir auch eine `Verantwortungselite`,
die bereit ist, für andere Menschen einzustehen und aus christlicher
Überzeugung heraus, Aufgaben in Staat und Gesellschaft zu übernehmen",
so Stoiber. Der Cartellverband habe in seiner 150-jährigen Geschichte
dazu beigetragen, dass Zehntausende von angehenden Akademikern, neben
der wissenschaftlichen Ausbildung an der Universität, durch Zusatzveranstaltungen
in den Verbindungen zu profilstarken Persönlichkeiten herangebildet
wurden. Das sei ein zentrales Verdienst des Verbandes. Stoiber zeigte
sich zuversichtlich, dass der Cartellverband auf der Grundlage seiner
erfolgreichen historischen Bilanz über ein tragfähiges Fundament
verfüge und zuversichtlich in die Zukunft blicken könne.
Kirchhof für einfaches Steuerrecht
Den
Höhepunkt des Festkommerses bildete die Rede des Heidelberger Finanzwissenschaftlers
Professor Dr. Paul Kirchhof. Kirchhof sprach über die enge Verbindung
zwischen christlichen Werten, einer zukunftsweisenden Familienpolitik
und soliden Staatsfinanzen. „Die Komplexität unseres Steuerrechts
schadet vor allem jungen Familien, die weder Zeit noch Mittel haben, sich
mit komplexen fiskalischen Fragen zu beschäftigen“, sagte Kirchhof.
Sie leisten einen wichtigen Beitrag für den Erhalt unserer Gesellschaft,
den sie mit einem hohen Preis bezahlen müssten. Während in großen
Unternehmen inzwischen ganze Abteilungen damit beschäftigt seien,
die Steuerlast möglichst gering zu halten, gingen viele Familien
leer aus. „Dieser Zustand ist mit den christlichen Werten unserer
Gesellschaft nur schwer zu vereinbaren“, sagte Kirchhof unter dem
Beifall der Gäste. Er wiederholte seine Forderung nach einem einfachen
und transparenten Steuerrecht, das letztendlich allen zugute käme.
„Wenn der Bürger genau weiß, wie viel er dem Staat schuldet,
kann er sorgloser seine Ausgaben tätigen und damit die Binnenkonjunktur
anregen“, so Kirchhof. Das Problem der lahmenden Inlandsnachfrage
ließe sich binnen kurzem beheben, zeigte sich der Finanzexperte,
der auch Mitherausgeber der „Rheinischen Merkur“ ist, zuversichtlich.
Das
Pontifikalamt im Dom zu unserer Lieben Frau bildete den Abschluss der
Jubiläumsfeiern in München. Die Zelebranten waren Seine Exzellenz
Dr. Alois Kothgasser, Erzbischof von Salzburg, Seine Exzellenz Franz Josef
Kuhnle, emeritierter Wehbischof von Rottenburg-Stuttgart, Prälat
Professor Dr. Ludwig Mödl, CV-Seelsorger Domvikar Ulrich Bonin und
ÖCV-Seelsorger Dipl.-Ingenieur Pater Dr. Gernot Wisser SJ. In seiner
Predigt hob Erzbischof Kothgasser die Bedeutung der vier CV-Prinzipien
nicht nur für den Verband, sondern für den Zusammenhalt der
Gesellschaft hervor. „Heimatliebe, wie sie im Prinzip `Patria` zum
Tragen kommt, bekommt dann einen Wert, wenn sie auf christlicher Nächstenliebe
gegenüber Fremden und Andersdenkenden fußt“, sagte Kothgasser.
Dem Prinzip „Religio“ komme daher eine besondere Bedeutung
zu. Auch Wissenschaft und Freundschaft, die anderen beiden CV-Prinzipien,
würden zum Abstraktum und zur Formalie degenerieren, wenn sie nicht
mit einer christlichen Werthaltung verknüpft seien. Das Katholizitätsprinzip
erfülle damit eine „Präambel-Funktion“, indem es,
an erster Stelle stehend, auf Verbandeebene eine immerwährende Fernwirkung
entfalte. Damit nehme der CV in der modernen Industrie- und Diensteistungsgesellschaft
eine verantwortungsvolle Stellung ein, so Kothgasser.
Text: Benedikt Vallendar
Festmatinee in der Residenz
Gedenkfeier in Dachau
Festkommers
|